Mythos Wittenberge
Die kleine Elbestadt Wittenberge, auf halbem Wege zwischen Hamburg und Berlin, ist Schauplatz einer der Geschichten in meinem Buch „Verrat verjährt nicht. Lebensgeschichten aus einem einst geteilten Land.“ Immer wieder stieß ich bei meinen Recherchen auf Hinweise und Gerüchte über einen vermeintlichen "Volksaufstand" im Mai 1978. Doch was stimmt davon, was sind Legenden?
Die Ereignisse am 1. Mai 1978 konnten bis heute nicht restlos geklärt werden, nach wie vor wird immer noch munter spekuliert. Damals bestimmten Schlagzeilen über schwere Auseinandersetzungen und Krawalle tagelang die Berichterstattung westlicher Medien. Die DDR schwieg zu den Vorgängen am Rande eines Maifestes. Die Staatsführung wies alle Vorwürfe zurück in das "Reich der Märchen" und verwarnte fünf Westkorrespondenten wegen „Verbreitung von Falschmeldungen“. Für den Westen waren die Ereignisse ein Aufbegehren gegen Willkür, Versorgungsmängel und Funktionärswirtschaft, manche Kommentatoren sahen sogar einen zweiten „17. Juni“ heraufziehen. Die DDR-Behörden tauchten ab, während Partei und Staatssicherheit fieberhaft nach „Rädelsführern und westlichen Provokateuren“ fahndeten. Was geschah nun auf dem „Platz der Freiheit“ in Wittenberge?

Der 1. Mai 1978 begann eigentlich wie immer. Am Vormittag eröffneten große Reden, Appelle und eine "machtvolle Demonstration der Werktätigen" durch die kleine Industriestadt den Feiertag. Dann folgte der fröhlichere Teil: ein Volksfest auf dem zentralen "Platz der Freiheit", direkt an dem eindrucksvollen Rathaus von Wittenberge. Es wurde gefeiert, getanzt und vor allem viel getrunken.
In den späten Nachmittagstunden des Maifestes entwickelte sich aus einer harmlosen Bierprügelei, bei der Einsatzkräfte den Falschen festnahmen, tumultartige Szenen vor dem Wittenberger Rathaus. Eine vielköpfige Menschenmenge versammelte sich vor dem Rathaus, in dem sich das Polizeirevier befand. Augenzeugen sprechen von vier- bis fünfhundert Personen. Angefeuert von der Menge versuchten Jugendliche das Rathaus zu stürmen, um die Festgenommenen zu befreien. Dabei kam es zu schweren Auseinandersetzungen, bei denen die überforderte Volkspolizei Wasserwerfer, Schlagstöcke und Diensthunde einsetzte. Es gab zahlreiche Verletzte und Festnahmen. Erst kurz vor Mitternacht bekam der Sicherheitsapparat die Lage wieder in den Griff. Am Rande der Auseinandersetzungen richteten viele junge Wittenberger ihren Unmut und Frust gegen Funktionäre der SED. Alkohol spielte an diesem Abend keine unwesentliche Rolle. Themen waren auch die ständigen Versorgungsschwierigkeiten und der neue Delikatladen in Wittenberge, in dem Westwaren gegen überhöhte Preise verkauft wurden.

Rathaus von Wittenberge. 1978 war hier das Revier der Volkspolizei untergebracht.
Ca. 45-jähriger Mann aus Wittenberge:
"Ich war damals mit meinem dreijährigen Sohn auf dem Maifest. Die Menge war sehr wütend. Die standen vor den Treppen des Rathauses, direkt vor dem Polizeirevier. Es waren vielleicht einige hundert Menschen, viele waren angetrunken. Es wurde immer aggressiver. Ich beschloss zu gehen, um meinen Sohn zu schützen.“ |
Ingenieur aus Wittenberge:
„Es war wie im Kino. Ich bekomme noch heute Gänsehaut. Die Stimmung war sehr explosiv. Steine sind geflogen, die Leute waren wegen der Intershops und des Deli-Laden unglaublich sauer. Sie waren richtiggehend geladen. Es gab offene Proteste.“ |
Zeuge laut Vernehmungsprotokoll:
„Ich stand aus Neugier nur. Ich bekam auch etwas mit dem Schlagstock ab, weil ich nach Aufforderungen den Platz trotzdem nicht verließ. Meine Verlobte wurde zu Boden geschubst“. Er schildert wie mehrere Personen von Polizisten geschlagen werden und ein Polizeihund auf eine Passantin losgelassen wird. „Die Frau, die gebissen wurde, wollte wissen, wo es zur Elbbrücke geht. Ich weiß es genau, weil ich daneben stand und es hörte." |
Pfarrer Dr. Ulrich Woronowicz:
"Es war eine Demonstration junger Leute. Es war Unmut gegen die Erhöhung der Preise im Delikat-Laden. Eine Polizeieinheit ist dann mit LKWs auf den Platz gefahren, hat die Menschen auseinandergetrieben, der Schlagstock kam zum Einsatz, die Menschen wurden regelrecht getrieben, einige sind verletzt worden. Am Tag danach habe ich meinen Bekannten, den Chefarzt des Wittenberger Krankenhauses angerufen, um zu fragen wie viele Verletzte behandelt werden. Es gab Verletzte, aber ich wurde an einem Besuch gehindert. Das Gespräch war abgehört worden. Wir unterhielten uns auch über Viktor Klemperer. Ein Hauptmann Tilse kannte den Schriftsteller nicht. Er fragte nach: wer ist Viktor Klemperer? Seine Dienststelle teilte ihm mit, der Mann sei unbekannt.“ |
Aus einem Ermittlungsbericht der Kriminalpolizei:
"Sehr ungünstig wirkte sich das Verhalten des Ortssekretärs Genossen Lewin auf einen Teil der dortigen Jugendlichen und Jungerwachsenen aus. Er erschien gegen 19.00 Uhr und ohne die Zusammenhänge zu erkennen begab er sich zu den Versammelten und schlug wahllos auf die dort anwesenden Jugendlichen ein. Dabei wurden auch Jugendliche von ihm beschimpft. Sinngemäß brachte er zum Ausdruck, "Ihr wollt nur die Konterrevolution und anderes mehr. Später hat sich Genosse Lewin im VP-Revier aufgehalten. Er war sehr erregt und sollte sich dort erst beruhigen. Ob er dort einen Kontakt zu den Zugeführten hatte, kann nicht gesagt werden." |
Aus dem Lagebericht der Volkspolizei (verfasst in der Nacht vom 01. Zum 02. Mai 1978):
„Durch die im Einsatz befundenen speziellen Mittel konnte eingeschätzt werden, dass gegen 23:00 Uhr sich das Leben im Stadtgebiet von Wittenberge auf den öffentlichen Straßen normalisiert hatte. Es gab nirgend irgendwelche Zusammenhäufungen von Jugendlichen. Auch kann eingeschätzt werden, dass über 80% der vor dem VP-Revier versammelten Personen nur Schaulustige waren, die keine Sympathien für die wenigen schreienden und pfeifenden zeigten.“ |
Im Stadtarchiv von Wittenberge finden sich keine Hinweise auf die Auseinandersetzungen vom Mai 1978. Auch der Ortschronist erwähnt die Zusammenstöße nicht, obwohl es zahlreiche Verletzte, Festnahmen, Urteile und vor allem unzählige Augenzeugen gab. Die lokale Presse hat darüber nie berichtet. Es ist, als wäre dieser unruhige 1. Mai ein Phantom gewesen, als sollte er ungeschehen bleiben.
Erst dreißig Jahre danach, im Sommer 2008, konnten offizielle Protokolle der SED, im Schweriner Landes-Archiv gefunden werden. Lagemeldungen der Volkspolizei, der Kriminalpolizei und der Staatssicherheit zu dem „Vorkommnis" wie die Krawalle amtlicherseits bezeichnet wurden, ergänzen das Gesamtbild. Es bleibt die Frage, warum die Stadt dieses Ereignis bis heute kollektiv aus dem Gedächtnis löschen will.
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